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4. Molekulargenetik

4.1. Die molekulare Ära der Biologie

In den 1950er Jahren begann die Aufklärung der dreidimensionalen Struktur von Proteinen und, etwa zwanzig Jahre später, der routinemässigen Ermittlung von DNA-Sequenzen (die englische Abkürzung DNA statt DNS ist gebräuchlich). Obwohl es vielleicht einseitig erscheint, kann man hier vom Beginn einer "molekulare Ära" der Biologie sprechen. Die Erfassung der Gensequenz-Daten hat sich seither ständig beschleunigt, und die entsprechenden Datenbanken sind mit wenigen Ausnahmen frei zugänglich. Damit wurden erstmals auch Vergleiche der DNA-Sequenzen verschiedener Tierstämme bis hinunter zu verschiedenen Individuen derselben Art möglich und man begann, den so messbaren Abstand in der evolutionären Entwicklung zu quantifizieren und für Verwandtschaftsbestimmungen zu nutzen. Inzwischen werden Methoden der Molekulargenetik immer häufiger eingesetzt.

Die Terminologie der Molekularbiologie und Reproduktionsmedizin führt allerdings oft zu einiger Verwirrung. Nicht selten ist es erst die grobe Vereinfachung der Sachverhalte in der Presse, die zu Missverständnissen führt. Oft werden auch zu grosse Erwartungen geweckt, die sich später nicht einlösen lassen, weil z.B. eine neuentdeckte Genfunktion nicht monokausal für eine bestimmte Erbkrankheit verantwortlich ist. Auch wird beim ermitteln von DNA-Sequenzen im Zusammenhang mit dem "Human Genome Projekt" manchmal von "Bauplänen" gesprochen, die man mit gentechnischen Methoden erhalte. Dies würde implizieren, dass man Bakterien oder gar höhere Organismen anhand der DNA-Sequenz im Labor nachbauen könnte.

Dies ist natürlich nicht möglich, weil die Kenntnis über die Zusammensetzung von Einzelteilen (Proteine) noch keine Konstruktionsanleitung für den Gesamtorganismus darstellt. Vergleichbar ist die Behauptung, ein Mensch würde aus chemischen Substanzen bestehen, die in der Apotheke für den Preis eines Mittagessens zu erwerben wären. Das ist zwar kaufmännisch korrekt, aber auch völlig irrelevant, weil es keine Maschine gibt, die einen Menschen aus den preiswerten Grundsubstanzen zusammenbauen könnte. Ein ebenfalls oft gesehenes Beispiel ist die Vermischung von Themen der Reproduktionsmedizin und Gentechnik im Begriff "Klonen". Der Begriff der "Chimäre" hat ebenfalls verschiedene Bedeutungen, wobei der Ausdruck in der Biologie genau definiert ist (siehe Kap. 5).


4.2. Proteinevolution

Proteine bestehen aus verschiedenen Ketten von Aminosäuren und die Abfolge dieser Aminosäuren, und damit schliesslich die 3-dimensionale Form der Proteine, wird durch die DNA-Sequenz im Zellkern festgelegt. Die DNA selbst verbleibt im Zellkern während der Lebensspanne der Zelle. Wenn ein bestimmtes Protein hergestellt werden muss, werden Mechanismen aktiviert, die eine RNA-Kopie von spezifischen Sequenzen der DNA herstellen (messenger-RNA) und aus dem Zellkern herausbringen.

Danach wird diese messenger-RNA von Ribosomen abgelesen und ein Protein wird nach der vorliegenden Sequenzinformation hergestellt. Der Plan zu diesem Protein ist im Zellkern verpackt und wird dort bei der Zellteilung dupliziert, mit der Ausnahme der mitochondrialen DNA (siehe unten). Die Sequenz der DNA oder der RNA wird als Basensequenz geschrieben, d.h. die Codierung der Erbinformation in der DNA-Doppelhelix besteht aus der Abfolge von 4 Pyrimidin- bzw. Purin-Basen (Adenin, Thymin, Guanin, Cytosin) und kann deshalb als eine Buchstabenkette wie z.B. "ACGAAT...." geschrieben werden. Die Erbinformation eines Menschen ist mehrere Milliarden Buchstaben bzw. Basen lang.

Ein Gen ist ein verschieden langer Abschnitt der DNA, der auch unterbrochen sein kann und die Codierung für eine Polypeptidkette (=Protein) oder eine RNA-Sequenz sowie Steuersequenzen enthält. Bei einfacheren Lebewesen (Bakterien) codiert 1 Gen genau für 1 Protein. Bei höheren Lebewesen entstehen aus einem Gen jedoch mehrere Proteine, weshalb die Gesamtzahl der Gene beim Menschen auch nicht mehr als 30'000-40'000 beträgt, wie wir seit dem Abschluss des "Human Genome Projects" nun sicher wissen.

Gene und die daraus entstehenden Proteine verändern sich im Laufe der Geschichte. Da wir die Chemische Natur der Erbsubstanz kennen, können wir den Begriff der Mutation genauer, als eine Veränderung der Sequenz/Abfolge oder Anzahl der Basen der DNA, definieren.

Es zeigte sich auch, dass sich verschiedene Proteine mit unterschiedlicher Geschwindigkeit verändern. Eine naheliegende Erklärung liegt darin, dass Proteine Bereiche enthalten, die für seine jeweilige Funktion mehr oder weniger lebenswichtig sind. Ein Enzym, das z.B. an der –bertragung von Nervensignalen bei Synapsen beteiligt ist, besitzt ein verarbeitendes Zentrum, an dem die eigentliche Verarbeitung der chemischen Substrate stattfinden und darüber hinaus periphere Strukturen. Eine Mutation am sog. aktiven Zentrum hat eine sofortige Änderung in den Eigenschaften des Proteins zur Folge (langsamere Verarbeitung, schneller, gar nicht, andere Vorlieben für bestimmte Substrate etc.). Fällt diese Mutation schlussendlich im Verbund des Körpers zum Nachteil der Fortpflanzung desjenigen Lebewesens aus, das die Mutation trägt, so wird die veränderte Erbinformation nicht weitervererbt. Daher verändert sich das Protein im Laufe der Evolution an der Stelle, die für das Zentrum codiert, langsamer.

Auf der tieferen Ebene der DNA-Sequenz kommt noch dazu, dass es viele verstreute Bereiche gibt, die keine sinnvolle Informationen enthalten. Weil für diese Bereiche auch kein Selektionsdruck herrscht, verändern sie sich öfter. Da nun also die Evolutionsrate der Proteine verschieden ist, kann man beim Vergleich von zwei oder mehreren Tierarten ein Protein wählen, dass sich in einer Geschwindigkeit verändert, die für eine gegebene Fragestellung passend ist. Ist die Frage nach der Verwandtschaft innerhalb nahe verwandten Arten, wie z.B. zwischen Mensch und Schimpanse oder zwischen verschiedenen Gruppen von Menschen, so wird man Gene auswählen, die sich rasch verändern.


4.3. DNA-Fingerabdruck und Verwandtschaftsbestimmung

Ein DNA-Fingerabdruck ist ein Nachweis von DNA-Sequenzen, die im hier gezeigten Beispiel eines Vaterschaftstests nach den Mendelschen Regeln vererbt werden. Es wird dabei nicht die ganze DNA eines Lebewesens miteinander verglichen, sondern nur gezielt ausgewählte Sequenzen, also kurze Stücke des genetischen Textes (siehe unten). Diese kurzen Stücke kommen in der ganzen Erbsubstanz viele tausende Male vor und wandern zusammen in einem elektrischen Feld. In der Praxis erhält man im Labor ein Bild eines Bandenmusters. Diese Bilder werden meist auf einem Röntgenfilm entwickelt und lassen sich leicht mit einem anderen Bandenmuster vergleichen. Ähnliche Methoden werden für die Verwandtschaftsbestimmung von Wildtieren verwendet.



Ein einfaches Beispiel eines Vaterschaftstests (siehe Abbildung links): DNA vom vermuteten Vater, von der Mutter, Tochter und Grossmutter mütterlicherseits wurde gewonnen, zerkleinert, elektrophoretisch aufgetrennt und auf die aus drei Basen bestehende Sequenz "CAC" getestet, wobei Fragmente verschiedener Länge = dunkle Banden verschiedener Position in der Vertikalen entstanden sind.

Jedes Elternteil gibt etwa die Hälfte der Fingerprint-Banden an das Kind weiter, wobei die vom jeweiligen Elternteil stammenden Banden eine zufällige Auswahl aller Fingerprint Banden darstellen. Die Vaterschaft wurde in diesem Beispiel zweifelsfrei bestätigt. Ein Nicht-Vater würde kaum eine einzige mit dem Kind übereinstimmende Bande erzielen. Alle Banden des Kindes erscheinen entweder beim Vater oder bei der Mutter. Dieser Test zeigt nur die Verwandtschaftsverhältnisse auf. Er sagt nichts über die tatsächlich hervortretenden Eigenschaften aus.

(Bildquelle 3)


4.4. hypervariable mikrosatelliten-DNA

Sogenannte Mikro- oder Minisatelliten-DNA bezeichnet Sequenzwiederholungen in der DNA. Dies sind kurze Abschnitte wie z.B. "TAACCC", die sich hintereinander (daher auch 'Tandem-Wiederholungen') aufreihen und für die oft keine Funktion in der Codierung für eine Protein bekannt ist. Bei den eigentlichen Minisatelliten-Sequenzen findet man einen Polymorphismus (unterschiedliches Muster) von Individuum zu Individuum, weshalb man anhand von Proben (z.B. ein Blutstropfen) Träger eines bestimmten Musters identifizieren kann.

Der Unterschied von Probe zu Probe besteht nicht im Wortlaut der wiederholten Sequenz, sondern in der Anzahl Wiederholungen, was offensichtlich keine biologischen Konsequenzen zur Folge hat. In der Populationsgenetik kann man nun Proben von verschiedenen Tierarten oder Gruppen der selben Art auf eine oder mehrere Minisatelliten testen und erhält DNA-Fingerabdrücke. Diese lassen sich wiederum so auswerten, dass eine Aussage über die Variabilität und die genetische Vielfalt der verschiedenen Tierpopulationen gemacht werden kann (Harley et al, 2000). Da die Tandemwiederholungen nur einem schwachen Selektionsdruck ausgesetzt sind, verändern sie sich im Laufe der Abfolge von Generationen von Lebewesen rasch und sind deshalb "hypervariabel".


4.5. mitochondriale DNA (mtDNA)

Mitochondrien sind die kleinen Kraftwerke der Zellen. Sie sind zelluläre Körperchen (Organellen), die ein wenig eigene DNA besitzen, was darauf hindeutet, dass sie ursprünglich eine "freies" Leben ausserhalb der Körperzellen als bakterienähnliche Lebensformen führten und bereits in einer frühen Phase der Evolution in die Zellen der eukaryontischen Organismen aufgenommen wurden. Die DNA der Mitochondrien (mtDNA) beinhaltet nur sehr wenige Gene, im Vergleich zur DNA im Zellkern. Konkret handelt es sich dabei um 13 Proteine, die eine Rolle in der Energieproduktion der Mitochondrien (Zellatmung) spielen, sowie 22 Transfer-RNA's und 2 ribosomale Proteine. Die Mitochondrien selbst enthalten in ihrer Struktur viele zusätzliche Proteine, die aber in der DNA des Zellkerns und nicht in den Mitochondrien selbst codiert sind.

Es gibt zwei wichtige Eigenschaften der mitochondrialen Erbsubstanz und ihrer Vererbung:

  • Die mtDNA wird immer von der Mutter weitervererbt, weil bei der Verschmelzung von Eizelle und Spermium nur die Mitochondrien der Eizelle, also diejenigen der Mutter, übernommen werden. Weil die Vererbung der rein mitochondrialen Gene nicht über Chromosomen abläuft, gelten auch andere Regeln der Vererbung als die Mendel'schen. Veränderungen in der mtDNA stammen demzufolge nicht aus der Vermischung von Genen bei der Vererbung, sondern von Mutationen, also von Änderungen, die sich meist beim Kopieren der DNA einschleichen. Die Rate, mit der sich die Sequenzen zweier mtDNA's voneinander unterscheiden, liefert deshalb ein Mass für die Zeit, die vergangen ist, seitdem sich die beiden Stammbäume voneinander trennten.

  • Die mtDNA verändert sich rascher als diejenige im Zellkern (etwa 10 mal schneller). Eine Theorie dazu besagt, dass die biochemischen Bedingungen in den Mitochondrien bei der Energieproduktion die Entstehung von Mutationen begünstigt (Michikawa et al., 1999).

Die Veränderung der mtDNA im Laufe der Zeit kann als Mass für den Verwandtschaftsgrad verschiedener Populationen von Lebewesen herangezogen werden. Da die Mutationsrate der mtDNA hoch ist, können auch Voraussagen über kürzere Zeiträume (Jahrtausende) getroffen werden. Wie bei anderen Methoden der Altersbestimmung muss mit statistischen Modellen gearbeitet werden um eine Eichung der Werte zu erhalten.

Alle Gattungen der Familie der Felidae wurden bereits 1995 auf ihre Verwandtschaftsverhältnisse mittels der Sequenzierung der mtDNA untersucht (Janczewski et al, 1995). Dabei wurde der Stammbaum, so wie im Kapitel 3.1.2 gezeigt, bestätigt. Diese Resultate gelten rückblickend für die Entwicklung der letzten 10 Millionen Jahre, da bisher nur mtDNA von heute lebenden Arten verwendet werden konnte. Für andere Fragestellungen der Paläontologie wurde mtDNA aus fossilen Ueberresten extrahiert und für Verwandtschaftsanalysen verwendet.

Je nach Fragestellung kann der Vergleich von DNA aus Mitochondrien oder aus dem viel grösseren Anteil der DNA aus dem Zellkern zu verschiedenen Ergebnissen führen. Mit der Weiterentwicklung dieses noch jungen Zweiges der Forschung wird man hier in Zukunft noch mehr Erfahrungen sammeln müssen.


4.6. Variabilität des Haupt-Histokompatibilitäts-Komplex (MHC)

Die sog. MHC-Moleküle (für "major histocompatibility complex", MHC) waren schon lange bekannt, bevor man ihre eigentliche Funktion im Immunsystem (auf die ich hier nicht weiter eingehe) richtig einschätzen konnte. Die MHC-Moleküle sind die zentralen Zielstrukturen bei Transplantations-Reaktionen. Wenn man Gewebe auf ein Individuum derselben Art (Allo-Transplantation) oder auf ein Individuum einer anderen Art (Xeno-Transplantation) überträgt wird es gewöhnlich abgestossen. Diese Abstossung beruht auf einer Immunreaktion gegen eine bestimmte Gruppe von Proteinen auf der Oberfläche der transplantierten Organe bzw. Hautstücke. Die meisten dieser Proteine gehören zur MHC-Gruppe, weshalb der MHC hauptsächlich die Abstossung oder Verträglichkeit von transplantierten Zellen und Gewebe bestimmt.

Die Eigenschaft, die für die Evolutionsbiologie von grossen Interesse ist, besteht im sehr starken Polymorphismus der Gene, die für die MHC-Moleküle codieren. Mit Polymorphismus ist gemeint, dass z.B. beim Menschen bis zu hundert verschiedene Varianten der MHC-Gene bekannt sind, die wiederum an 5 verschiedenen Stellen im Genom zu finden sind. Jedes menschliche oder tierische Individuum, ausser eineigen Zwillingen hat somit ein eindeutiges MHC-Muster. Auf der Ebene einer Population oder Gruppe ist die Variabilität um so grösser, je mehr Durchmischung mit anderen Populationen stattfindet. Die MHC-Variabilität oder -Polymorphismus wurde deshalb als Mass für die genetische Durchmischung einer bestimmten Gruppe von Wildtieren aufgefasst und in einer Versuchsreihe an aus der Natur entnommenen Geparden mittels Hauttransplantationen getestet [O'Brien et al, 1983] (siehe Kapitel 8)


4.7. Missverständnisse um einen alten Begriff: Chimären

Das Wort Chimäre bezeichnet ein Wesen, dessen Körper aus Teilen anderer Lebewesen besteht. Die Chimaira der griechischen Mythologie war nach Homer ein feuerspeiendes Ungeheuer, das Landschaften in Lykien verwüstete, bis es von Bellepheron mit Hilfe des Flügelrosses Pegasus zur Strecke gebracht wurde. Die Chimäre war vorne Löwe, in der Mitte Ziege und hinten Drache. Andere Mischwesen in der griechischen Mythologie sind die Zentauren, Pferdekörper mit menschlichem Oberkörper und der Minotaurus, ein menschlicher Körper mit Stierkopf. In der Mythologie der alten Griechen dienten die Chimären, um Wesen zu beschreiben, die menschliche Eigenschaften aber gleichzeitig auch die übermenschlichen Fähigkeiten von Tieren (Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer) besassen. Bis in die heutige Zeit finden Mischwesen (heutzutage meistens aus Mensch und Maschine bestehend: "Cyborgs") Verwendung in phantastischen Erzählungen und in der Populärkultur.

In der Biologie bezeichnet der Begriff Chimäre definitionsgemäss Individuen, die aus genetisch unterschiedlichen Geweben bestehen oder genauer (nach Hentschel und Wagner, Zoologisches Wörterbuch, 3. Auflage): "Komplexindividuum, das aus idiotypisch verschiedenen Zellen besteht". Der Typ von Chimäre, der im Zusammenhang dieses Artikels gemeint ist, entspricht der Vorstellung eines Mischwesens das sichtbar verschiedene Tierarten in sich vereinigt, sodass die einzelnen Körperteile (Fell, Hörner, Kopf und Körper etc.) weiterhin ihre ursprüngliche Form beibehalten.

Eine Gen-Chimäre ist ein genverändertes Tier, das in seinem Körper zwei oder mehrere Gensequenzen verschiedener Herkunft in sich vereinigt, was sich in der äusseren Gestalt des Tieres nicht unbedingt zeigen muss. Bei diesem zweiten Typ sind die Begriffe transgenes oder genverändertes Tier gebräuchlicher. Transgene Tiere sind in einem makroskopischen Sinn keine Mischwesen, da lediglich die Erbinformation für einzelne Proteine des Körpers ausgetauscht oder verändert wurden.

Was den einen oder anderen Leser überraschen mag, ist die Tatsache, dass die am besten bekannten und auch in Labors und Zuchtanstalten existierenden Chimären, wie etwa die Schiege (aus Schaf und Ziege, engl. "geep") nicht durch Genmanipulation entstehen, sondern lediglich durch das Mischen von ganz frühen Embryonen beider Arten und darauffolgendem Wiedereinsetzen des gemischten Embryos, der erst aus wenigen Zellen besteht, in ein Leihmutter-Tier. Diese Technik ist Teil der Fortpflanzungsmedizin, was handwerklich anspruchsvoll ist und einige biochemische Kniffe erfordert, jedoch das Erbmaterial völlig unberührt und unvermischt belässt. Die Mischung der Eigenschaften dieser Chimären werden also nicht an etwaige Nachkommen weitergegeben!

Zumal die meisten dieser Chimären ohnehin steril sind, weil oft nicht nur z.B. das Fell, sondern auch die Geschlechtsorgane ein Mosaik darstellen und nicht voll funktionsfähig sind. Falls es doch Nachwuchs aus einer Paarung von Schiege/Schiege oder einer Schiege mit einem Schaf oder einer Ziege gibt, ist das Junge doch wieder nur entweder reines Schaf oder Ziege, weil die Geschlechtszellen der Schiege nicht genetisch verschmolzen sind, sondern als heterogene Teile nebeneinander existieren.

Die grössten technischen Probleme, abgesehen von den erheblichen ethischen Bedenken, bei der "Herstellung" einer Chimäre wie z.B. der Schiege liegen aber im Ablauf der Schwangerschaft und im Anwachsen des Embryos in der Gebärmutter des Leih-Muttertiers. Der Grund liegt in der Hülle bzw. Haut des gemischten Embryos, die oft nicht mit der Gebärmutterwand der Leihmutter verträglich ist. Diese Abstossung ist ähnlich einer Immunreaktion; es spielen dabei Oberflächenproteine der Zellen eine Rolle, die sich von Art zu Art unterscheiden.

Dies ist auch der Grund, weshalb für die Chimären immer nur nahe verwandte Tierarten oder genetisch veränderte Tiere derselben Tierart verwendet werden, wie Schaf und Ziegen, bei denen es sehr selten sogar natürlicherweise zu "Bastarden" kommt. Die Erbinformation der Hybriden ist dann tatsächlich vermischt, was noch nicht heisst, dass die Tiere auch fruchtbar wären. Technisch gut etabliert ist die Erzeugung von Chimären verschiedener Inzuchtstämme von Labormäusen mit jeweils unterschiedlicher Fellfarbe, die dann z.B. an einem schwarz-weiss gefleckten Fell erkenntlich sind. Dabei geht es aber um genetische Experimente innerhalb derselben Art (Maus), und nicht um das Vermischen von Tierarten.

Eine weitere Hürde für die Entstehung von Hybriden von verschiedenen Arten bildet die Anzahl Chromosomen, die z.B. bereits bei Mensch und Schimpanse, aber auch bei Hund und Katze unterschiedlich ist. Die Anzahl Chromosomen ist nicht proportional zur Entwicklungshöhe einer Art, sondern repräsentiert lediglich die "DNA-Verpackung" der jeweiligen Arten. Siehe dazu die untenstehende Tabelle der Anzahl Chromosomen im doppelten Chromosomensatz http://www.biokurs.de/skripten/13/bs13-1.htm. Als Erklärung für die unterschiedliche Anzahl Chromosomen von Mensch und Schimpanse wird eine Fusion zweier Chromosomen zu einem einzigen bei einem Vorfahren beider Gattungen angenommen (IJdo et al. 1991, Yunis et al., 1980)

    lat. Name   dt. Name   Anzahl Chromosomen
    Homo sapiens   Mensch   46  
    Pan troglodytes   Schimpanse   48  
    Canis sp.   Haushund   78  
    Felis cattus   Hauskatze   38  
    Solanum tuberosum   Kartoffel   48  

Die zellulären Mechanismen der Zellteilung würden bei unterschiedlicher Chromosomenzahl bei der Befruchtung einer Eizelle durch ein Spermium einer anderen Tierart gestört und die Folge wäre wiederum die Abstossung bzw. das Absterben des nicht lebensfähigen Embryos in einem sehr frühen Stadium. Wie fast immer in der Biologie gibt es Spezialfälle, wo die Toleranz des Systems scheinbar grösser ist: Manchmal kommt es bei der Zellteilung der befruchteten Eizelle zu Chromosomen-Trennungsfehler in der sog. Reifeteilung. Das Ergebnis sind Chromosomen-Aberrationen die sich durch eine ungewöhnlichen Anzahl Chromosomenzahl im betroffenen Individuum auszeichnen. Manchmal sind diese Individuen dennoch fruchtbar, aber beachten sie bitte, es handelt sich hier um Fortpflanzung innerhalb der selben Art oder Varietät.

Wäre es nicht möglich, in einer Eizelle die Hälfte der DNA (oder noch einfacher: die Hälfte der Chromosomen) des einen Tieres und die andere Hälfte eines anderen Tieres zusammenzufügen? Dieses Experiment hätte wiederum kein lebensfähiges Tier zur Folge. Verwandte oder in mehreren Kopien vorhandene Gene können gehäuft nebeneinander auf demselben Chromosom liegen oder auf verschiedenen Chromosomen verteilt sein. Die verschiedenen Gene liegen bei verschiedenen Tierarten nicht auf denselben Chromosomen, sodass eine einfache Zusammenstellung eines gemischten Chromosomensatzes in einem Verlust bzw. Vervielfältigung von Genen resultieren würde.

Ebenfalls darf man nicht vergessen, dass sich die Embryonen von verschiedenen Tierarten unterschiedlich schnell und zu ebenso unterschiedlicher Grösse entwickeln. Falls die Tierarten nicht sehr nahe verwandt sind, führt dies unweigerlich zu Entwicklungsstörungen und zu einem sehr frühen Abbruch der Entwicklung des Embryos. Im Extremfall sind in der Mythologie Chimären 'beschrieben' worden, von denen der eine Anteil eine Entwicklung in einem Ei beenden würde, und der andere Anteil in einer Gebärmutter (Vögel-Menschen/Löwen etc.). An dieser Stelle wäre die vollständige Kontrolle über die Embryonalentwicklung eines Lebewesens nötig. An einen künstlichen Uterus für Säugetiere in Form einer Maschine ist beim derzeitigen Erkenntnisstand überhaupt nicht zu denken (es ist ja bisher noch nicht einmal möglich, künstliches Blut herzustellen, das alle Eigenschaften des natürlichen Blutes aufweist).

Kaum einer Erwähnung bedarf die Tatsache, dass sich verschiedene Tierfamilien in physiologischen Parametern wie Körpertemperatur, Herzfrequenz, Atmungsvolumen, Verdauung und Nahrungs-Spezialisierung, Knochenstruktur sowie Versorgung und Steuerung des Körpers mit Nervenimpulsen so stark unterscheiden, dass eine Chimäre im Stile eines Minotaurus oder altägyptischer Götter mit Tierhäuptern nicht lange lebensfähig wäre. In der Tat sind die physiologischen und biochemischen Unterschiede bei verschiedenen Tieren so ausgelegt, dass z.B. das massive Vergrössern oder Verkleinern eines Organs bzw. von deren Knochenstrukturen (Flügel, Kopf etc.) für eine phantastische Chimäre eine völlige Neukonstruktion seines Aufbaues und Entwicklungsgeschwindigkeit erfordern würde, damit eine rudimentäre Funktionsweise gewährleistet wäre. Dabei können keine Vergleiche mit 'Riesenformen" von Tieren gezogen werden, die sich manchmal im Laufe der Evolution entwickelt hatten (Riesenfaultier, Riesenlaufvögel etc.), da sich in diesen Fällen die Tiere als Gesamtorganismus und über lange Zeiträume verändert hatten.

Bilder von verschiedenen seltenen Hybriden, die auf natürliche Weise entstanden sind (inklusive künstliche Besamung), findet man hier:
(http://www.uni-leipzig.de/~mielke/bastarde/bastard5.htm).

Weitere Informationen zu den im Labor erzeugten Schaf-Ziegen Chimären mit Bildern und Angaben, weshalb es getan wird, finden sie hier:
http://animalscience.ucdavis.edu/faculty/anderson/research.htm.

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